Die gestohlene Aufmerksamkeit – und der Weg zurück zu sich selbst
- Souheil Thabti
- 19. Mai
- 3 Min. Lesezeit
Unsere Aufmerksamkeit, unser Fokus, wird jeden Tag – und das mehrmals am Tag – verschoben. Vom Natürlichen hin zum Konditionierten, zum Erwarteten, zum von anderen Geforderten und Verlangten.
Wir kommen mit einer natürlichen Veranlagung auf die Welt. Mit einer Natürlichkeit, die uns niemand beibringen muss. Niemand muss uns sagen: Schau dir diesen Baum an. Schau dir diesen Vogel an. Schau in den Himmel. Es zieht uns automatisch an. Die Welt ruft uns, und wir antworten – ohne Aufforderung, ohne Zwang, ohne Angst zu versagen.
Aber dann beginnt etwas anderes. Jemand sagt: Schau ins Buch. Schau ins Heft. Schau mir genau in die Augen – obwohl du das gerade vielleicht gar nicht möchtest, nicht kannst oder dich nicht traust. Und das passiert über Jahre, über Jahrzehnte, täglich, von verschiedenen Seiten. Nicht von Menschen. Von Personen. Von Menschen, die selbst zu Personen geworden sind.
Das ist keine Kleinigkeit. In diesem Satz liegt eine tiefe Unterscheidung: Der Mensch ist das Ursprüngliche. Die Person ist das, was darüber gelegt wird – eine Rolle, eine Funktion, eine gesellschaftliche Form. Und wer darunter steckt, gerät dabei oft ins Vergessen. Nicht nur bei anderen. Auch bei sich selbst.
Was erschüttert, ist nicht die böse Absicht. Die Lehrerin, der Vater, der Vorgesetzte – sie fordern unsere Aufmerksamkeit nicht aus Bosheit. Sie sind durch denselben Prozess gegangen. Auch sie wurden geformt, umgelenkt, konditioniert. Auch sie sind irgendwann aufgehört zu fragen, wohin ihre eigene Aufmerksamkeit von Natur aus zieht – und haben begonnen, weiterzugeben, was ihnen gegeben wurde.
Fünf Kräfte halten dieses System am Leben. Keine davon ist natürlich. Alle fünf müssen installiert werden – und sie verstärken sich gegenseitig:
Ablenkung hält uns beschäftigt, damit kein Raum zum Innehalten entsteht. Hetze lässt keine Zeit für Reflexion. Druck sorgt dafür, dass wir funktionieren statt fühlen. Gehorsam – blinder, unreflektierter Gehorsam – ersetzt das eigene Urteil durch das Fremde. Und Angst sichert das alles ab. Wer abgelenkt ist, hat keine Zeit zur Reflexion. Wer unter Druck steht, gehorcht leichter. Wer Angst hat, sucht keine Umkehr.
Wir nennen das Erziehung. Bildung. Sozialisation. Alles positiv besetzte Worte für einen Vorgang, der im Wesentlichen die natürliche Aufmerksamkeit systematisch umlenkt – jahrelang, täglich, von vielen Seiten gleichzeitig. Und irgendwann weiß man gar nicht mehr, was einen wirklich anzieht. Weil man so lange trainiert wurde, wohin man zu schauen hat.
Aber es ist umkehrbar.
Nicht durch Widerstand, nicht durch Kampf gegen das System, nicht durch Zerstörung. Sondern durch etwas viel Schlichteres, viel Radikaleres: das Ablegen. Wie ein Kleidungsstück, das man irgendwann einfach nicht mehr anzieht. Als ob es nie wirklich zu uns gehört hätte – weil es das tatsächlich nicht hat.
Ablenkung ablegen. Hetze ablegen. Druck ablegen. Den blinden, unreflektierten Gehorsam ablegen. Die Angst ablegen.
Das setzt etwas voraus, das selten benannt wird: Stille. Nicht als Abwesenheit von Lärm, sondern als einen inneren Zustand, in dem man überhaupt erst merkt, was man die ganze Zeit getragen hat. Erst in der Stille erkennt man das Gewicht. Erst wenn man innehält, bemerkt man, dass man gerannt ist.
Und vielleicht ist das die eigentliche Bedrohung für diese Systeme – nicht Revolte, nicht lauter Protest, sondern einfach Stille und Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit, die uns niemand beibringen musste. Die, die uns zum Baum zieht, zum Vogel, zum Himmel.
Sie war nie weg. Sie wurde nur überlagert.
Der Weg zurück zu ihr braucht keinen Lehrer, keine Erlaubnis, keine Anweisung. Er braucht nur das, womit wir gekommen sind: uns selbst.
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