Narrative, Angst und die Freiheit des Selbst
- Souheil Thabti
- 28. Mai
- 7 Min. Lesezeit
Über den Grundsatz, der zählt – und was ihn möglich
macht
I. Der falsche Ausgangspunkt
Die Diskussion darüber, woher wir unsere Informationen beziehen, welchen Quellen wir
vertrauen, welchem Narrativ wir folgen – sie ist, bei näherer Betrachtung, eine Ablenkung
vom Wesentlichen. Nicht weil Informationen unwichtig wären, sondern weil sie die
entscheidende Frage verfehlen. Denn egal ob ich Informationen habe oder nicht, egal
welcher Quelle ich glaube oder nicht glaube: Es muss ein Grundsatz gelten, der keiner
Quelle, keiner Autorität, keines Rahmens bedarf.
Dieser Grundsatz ist einfach: Niemand darf getötet werden. Niemand darf unterdrückt
werden. Und kein Anschlag, keine Bedrohung, keine historische Verletzung rechtfertigt es,
gegen eine gesamte Zivilbevölkerung vorzugehen – allein weil sie ethnische, religiöse,
kulturelle oder sprachliche Gemeinsamkeiten mit einer Gruppe teilt, die als Feind definiert
wurde.
Das einzige Kriterium, das moralisch trägt, ist das bewusste oder das in Kauf genommene
Töten von Zivilisten. Nicht wer es tut. Nicht unter welchem Namen. Nicht mit welcher
Begründung. Dieses Kriterium steht vor jedem Narrativ – oder es steht gar nicht.
II. Was Narrative leisten
Genau das ist es, was Narrative leisten: Sie verschieben dieses Kriterium. Sie kleiden
Unrecht in den Mantel des Rechts. Sie rahmen Ereignisse so ein, dass dasselbe Handeln – je
nach Kontext, je nach Perspektive, je nach Zugehörigkeit – als Terrorismus oder als
Freiheitskampf erscheint. Diese Verschiebung des Rahmens ist kein Versehen. Sie ist
Funktion.
Solange wir innerhalb dieser Funktion denken, urteilen wir nicht wirklich. Wir wählen nur
zwischen verfügbaren Narrativen. Und dann geht es darum, zu welcher Gruppe man gehört,
mit wem man sympathisiert, aus welchem Hintergrund heraus man etwas erklärt – alles
Debatten, die keine Früchte tragen. Weder in Bezug auf Menschenrechte noch auf die
Würde des Menschen und das Recht auf Leben.
Das Framing legitimiert dabei genau das, was es vorgibt zu verhindern: das Töten von
Zivilisten. Es schafft die Bedingungen, unter denen dasselbe Unrecht zum notwendigen
Mittel wird. Das ist der Zirkel.
III. Der Zirkel der Angst
Dieser Zirkel hat eine Mechanik: Das Narrativ legitimiert Unrecht. Um das Narrativ zu
durchschauen, braucht man innere Freiheit. Innere Freiheit aber wird systematisch durch
jene Strukturen eingeschränkt, die das Narrativ produzieren. Ein geschlossener Kreis –
solange man nicht weiß, wo man eingreifen kann.
Narrative greifen nicht im leeren Raum. Sie greifen an einem konkreten Punkt an: der Angst.
Hier ist jedoch eine wesentliche Unterscheidung zu treffen. Es gibt Angst als biologische
Reaktion auf reale Bedrohung – sie ist notwendig, sinnvoll, Teil unserer Überlebensfähigkeit.
Und es gibt Angst als kulturell-politisch instrumentalisiertes Dauergefühl – ein produzierter
Zustand, kein natürlicher.
Dieser zweite Typ von Angst macht den Geist reaktiv. Er verengt den Denkraum. Er macht
anfällig für einfache Feindbilder, für das nächste verfügbare Erklärungsangebot. Und er wird
täglich reproduziert – nicht durch einzelne Ereignisse, sondern durch die gesamte Struktur
unseres Alltags.
IV. Der Alltag als Rahmen
Das klingt nach einem großen Sprung, ist es aber nicht – wenn wir verstehen, dass unsere
gesamte Lebensweise täglich einen Nährboden und einen Rahmen unseres Denkens und
Fühlens absteckt. Was wir essen. Wie wir arbeiten. Wie wir gebildet werden. Wie wir
Beziehungen führen. Wie wir Politik betreiben. Wie wir als Gesellschaft funktionieren. All das
entscheidet darüber, wie angstvoll oder wie angstfrei unsere Psyche ist.
Chronischer Stress, Schlafmangel, ökonomische Unsicherheit, emotionale Vereinzelung –
das sind keine abstrakten Konzepte. Sie verengen nachweislich den Denkraum. Sie machen
reaktiver, kurzfristiger, anfälliger. Und sie treffen nicht nur das Individuum, sondern das
Kollektiv: Wie frei unsere Meinungen wirklich sind, wie frei unsere Handlungsmöglichkeiten
wirklich sind, wie autonom und wie stark wir als Einzelne und als Kollektiv sind – all das
hängt unmittelbar davon ab, in welchem inneren Zustand wir uns befinden.
Der Alltag ist also kein neutraler Hintergrund. Er ist das, wo entschieden wird, ob wir
Menschen sind, die sich von Narrativen leiten lassen – oder Menschen, die Narrative zwar
kennen, durch Sozialisation verinnerlicht haben, aber immer wieder hinterfragen können.
V. Die Kapazität ist bereits da
Und dennoch: Die Fähigkeit zur inneren Freiheit ist kein Privileg weniger. Sie ist kein Luxus,
der Zeit und besondere Bedingungen verlangt. Denn die Kapazität ist bereits in jedem
Menschen vorhanden – im gelebten Alltag selbst.
Die Tatsache, dass Menschen Zeit für religiöse Praktiken haben, für das Einkaufen und den
Genuss von Lebensmitteln, für Feste und Spiele, für Veranstaltungen und Forschung, für
Arbeit und Beziehungen – und dass sie sich in ihrer Freizeit mit Wissenschaft
auseinandersetzen, über Nachrichten, Social Media und Podcasts – zeigt nicht nur, dass
Zeit vorhanden ist. Es zeigt, dass Menschen durch genau diese Dinge bereits fühlen: was
ihnen gut tut und was nicht, was ihnen Angst macht und was nicht, was besser wäre und
was nicht.
Diese Kapazität des Fühlens ist kein Zusatz zum Leben. Sie ist das Leben selbst. Und wenn
wir von innerer Freiheit sprechen, ist es diese Kapazität, die sich vertieft – integriert in das,
was ohnehin stattfindet. Kein zusätzlicher Aufwand. Eine andere Qualität der Zuwendung.
Wichtig dabei ist: Diese Kapazität geht nicht verloren. Sie ist immer da. Was verloren gehen
kann – durch Sozialisierung, durch Konditionierung, durch Systeme, die sie nicht fördern –,
ist der Zugang dazu. Das ist ein wesentlicher Unterschied. Es muss nichts repariert oder
von Grund auf neu aufgebaut werden. Es geht darum, den Zugang wiederzufinden.
VI. Vertiefung als Haltung
Der Schritt zur Vertiefung ist deshalb kein Mehr, sondern eine andere Haltung. Nicht das
Medium entscheidet, nicht die Aktivität – sondern die Art, wie man sich ihr zuwendet. Ob
jemand isst, um zu schmecken, oder um abzuschalten. Ob jemand einen Podcast hört, um
zu fühlen, was wahr klingt, oder um eine bereits vorhandene Meinung zu bestätigen. Ob
jemand ein religiöses Ritual vollzieht, um in Kontakt mit sich zu kommen, oder um
Zugehörigkeit zu signalisieren.
Soziale Medien zum Beispiel sind darauf optimiert, Aufmerksamkeit zu fragmentieren,
Oberfläche zu produzieren, Empörung zu triggern. Und dennoch: Wenn Menschen das
bereits Vorhandene – diese Räume, diese Momente – für Tiefe nutzen, für das Ernstnehmen
des eigenen inneren Erlebens in diesem Moment, dann sind genau diese
Alltagssituationen der Anreiz zur inneren Freiheit. Nicht trotz ihrer Alltäglichkeit, sondern
durch sie.
Das Ernst-nehmen des eigenen inneren Erlebens im Moment ist dabei das Entscheidende.
Nicht als Ablenkung davon, sondern als Zugang dazu. Als Referenzpunkt.
VII. Die vier Dimensionen
Diese Vertiefung geschieht durch Erweiterung – nicht als einmaliger Zustand, sondern als
kontinuierliche Bewegung in vier Dimensionen gleichzeitig: Gedanken, Informationen,
Fühlen, Körper.
Diese vier bilden ein System. Wenn eine Ebene chronisch eingeschränkt oder abgetrennt ist,
kompensieren die anderen auf eine Weise, die Verzerrung erzeugt. Wer nur kognitiv lebt,
verliert den Boden. Wer nur fühlt ohne Reflexion, ist anfällig für Manipulation – denn auch
Gefühle sind sozialisiert; jemand, der in einem bestimmten Umfeld aufgewachsen ist, kann
aufrichtig fühlen, dass eine Gruppe eine Bedrohung darstellt. Wer seinen Körper unter
chronischem Stress hält, kann weder klar denken noch tief fühlen. Und wer Informationen
konsumiert ohne inneren Referenzpunkt, nimmt Narrative auf wie ein Gefäß ohne eigene
Form.
Der Körper ist dabei oft der blinde Fleck – sowohl im politischen Denken als auch in rein
mentalen Ansätzen. Dabei ist er der direkteste Zugang zum Fühlen. Er lügt nicht so leicht
wie Gedanken es können. Er registriert, lange bevor der Verstand es formuliert hat, ob etwas
stimmt oder nicht.
Integration dieser vier Ebenen ist das Gegenteil von Fragmentierung. Und Fragmentierung
ist genau das, was ein auf Angst aufgebautes System braucht.
VIII. Innen und außen bedingen einander
Politische Befreiung und innere Befreiung sind keine getrennten Projekte. Sie bedingen
einander. Sie brauchen einander.
Wer nur politisch denkt, ohne die innere Dimension zu bearbeiten, reproduziert dieselben
Machtstrukturen – auch wenn er gegen sie kämpft. Das lässt sich historisch immer wieder
beobachten: Revolutionen, die neue Unterdrückung schaffen, weil die innere Angst und die
Konditionierung mitgenommen wurden. Die äußere Struktur verändert sich, aber die innere
Logik bleibt dieselbe.
Wer hingegen nur inner arbeitet, sich nur persönlich befreit, ohne die strukturellen
Bedingungen anzufassen, rettet sich auf eine individuelle Insel – während das System
weiterläuft. Beiden ohne einander fehlt etwas Wesentliches: Das eine ist naiv, das andere
wirkungslos.
Die Gleichzeitigkeit ist das Schwierige – und das Notwendige.
IX. Das Selbst als Referenzpunkt
Was dabei als Anker dient, ist das integrierte Selbst. Nicht das Ich, das Narrativen folgt –
sondern das Ich, das Narrative erkennt, ohne sich mit ihnen zu identifizieren.
Das bedeutet konkret: jene Gedanken zu erkennen, die spalten wollen, die ein Angst-
Narrativ spinnen, die Bedrohung konstruieren – und sie von sich zu trennen. Nicht zu
unterdrücken, nicht zu ignorieren. Sondern zu erkennen: Das ist ein Gedanke, der durch
mich hindurchläuft. Nicht: das bin ich.
Dieser Referenzpunkt – das integrierte Selbst aus Körper, Fühlen und Denken – ist auch das,
was politische Systeme am stärksten destabilisieren. Nicht weil er gleichgültig macht,
sondern weil er vor dem Lager bereits weiß, was falsch ist. Wer diesen Referenzpunkt hat,
lässt sich nicht so leicht in eine Schiene drängen. Er braucht kein Narrativ, um zu wissen,
dass Menschen nicht getötet werden dürfen. Nicht aus Vermutungen heraus. Nicht weil sie
anders denken, anders fühlen, anders sind.
X. Was das von Sozialisation und Erziehung verlangt
Ob wir diesen Referenzpunkt entwickeln können, hängt wesentlich davon ab, wie wir
aufgewachsen sind. Ob das innere Erleben des Kindes ernst genommen wurde – oder ob es
durch Unterbrechung, durch Gehorsamserwartung, durch emotionale Invalidierung
systematisch entwertet wurde. Wenn Kinder in Umgebungen aufwachsen, wo ihr inneres
Erleben nicht gilt, dann verlernen sie nicht die Kapazität zu fühlen. Aber sie verlieren den
Zugang dazu. Sie lernen, sich von sich selbst zu entfremden – und genau das macht sie
später empfänglich für Narrative, die diese Entfremdung mit Bedeutung füllen.
Was daher gebraucht wird, ist eine Erziehung und eine Sozialisation, in der Diskussionen bis
zum Ende geführt werden dürfen, ohne unterbrochen zu werden. In der Widerspruch als
vollkommen natürlich und positiv gilt. In der Kritik willkommen ist – egal von wem, egal über
was, egal gegenüber wem. Und in der blinder Gehorsam nicht als Tugend gilt, sondern als
das erkannt wird, was er ist: eine Einschränkung des Denkens.
Das sind die Dinge, die darüber entscheiden, ob wir wirklich hinhören, wenn ein
Regierungschef oder ein Politiker beginnt, einen Krieg vorzubereiten – aus politischen,
wirtschaftlichen, geopolitischen, religiösen, kulturellen oder ethnischen Interessen. Wenn
wir innerlich frei genug sind, können wir die Tragweite dessen ahnen, fühlen, spüren und
denken – nicht nur durch eigene Recherche, sondern durch das eigene Fühlen. Weil wir die
innere mentale Flexibilität und die innere Weite besitzen, um damit wirklich zu interagieren.
XI. Was möglich wird
Stattdessen leben viele von uns so gespalten von sich selbst, dass eine wirkliche
gedankliche Auseinandersetzung kaum möglich ist. Nicht nur weil so viel zu tun ist, sondern
weil der innere Raum fehlt, der es ermöglicht, Dinge zu hinterfragen. Der Alltag schließt
sich. Das Denken wird reaktiv. Das Fühlen wird stumpf oder überw.ltigend – beides gleich
unbrauchbar als Orientierung.
Aber dieser Zustand ist kein Schicksal. Er ist eine Folge von Bedingungen – und
Bedingungen können sich verändern. Jeder Schritt in Richtung Integration, in Richtung
Ernst-nehmen des eigenen Erlebens, in Richtung Freiheit vom Angst-Narrativ, ist bereits ein
politischer Akt. Nicht weil er das System sofort verändert, sondern weil er den
Referenzpunkt schärft, von dem aus echte Unterscheidungen möglich werden.
Und wenn diese Freiheit wächst – als Einzelne und als Kollektiv –, dann wird das, was heute
als normal gilt, erkennbar als das, was es ist: ein System, das auf Angst aufgebaut ist und
von ihr lebt. Erkennen ist der erste Schritt. Fühlen ist der zweite. Handeln – aus diesem
Referenzpunkt heraus – ist das Dritte.
Nicht weil man ein Narrativ gefunden hat, das besser klingt. Sondern weil man weiß – durch
sich selbst –, dass Menschen nicht getötet werden dürfen.
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